Legende
Viele Menschen haben im Schatten der Teck bereits nach dem
Sybillenschatz gesucht. Dass die Erzählungen auf Gerüchte und Fundstücke
zurückgehen, wusste in früheren Jahrhunderten niemand. Von Daniela Haußmann08.12.2018

Der Beweis, dass die Römer in Owen waren: jahrhundertealter Leichenbrand. Fotos: Daniela Haußmann
Der Beweis, dass die Römer in Owen waren: jahrhundertealter Leichenbrand. Fotos: Daniela Haußmann

Zahllose
Mythen ranken sich um den Schatz der Sibylle. Über Jahrhunderte hinweg
beflügelten sie die Fantasien und nährten die Hoffnung, dass am Fuß des
Teckfelsens ein gewaltiges Vermögen vergraben liegt.Anzeige
All die Geschichten von Gold, Silber und Edelsteinen lockten im Jahr
1531 Schatzsucher nach Owen. Ihnen ist die erste schriftliche Erwähnung
des Sibyllenlochs zu verdanken. Allerdings landete die Gruppe schnell im
Kerker. Denn bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts galt die Schatzsuche
mithilfe der Geisterbeschwörung als schwarze Magie, die im schlimmsten
Fall mit dem Tode bestraft wurde. Letztlich waren es Ungeduld und
Leichtsinn, die das illegale Treiben der fünf Männer auffliegen ließen.
Schließlich hatten sie in Kirchheim bereits einen Grabungsantrag mit
genauer Ortsangabe gestellt. So bekam die Obrigkeit recht schnell Wind
von der Sache.
Vor Gericht konnten die Schatzsucher zwar ihr Leben retten, doch aus
dem Fürstentum Württemberg wurden sie verbannt, wie Rolf Götz in seinem
Buch „Die Sibylle von der Teck“ schreibt. Mehr als ein Jahrzehnt später
brachte der erste Religionskrieg auf deutschem Boden spanische Truppen
nach Württemberg. Am Ende der Auseinandersetzung, die als
Schmalkaldischer Krieg in die Annalen einging, besetzten von 1547 bis
1552 spanische Truppen Württemberg und auch Kirchheim.
So erfuhren die Soldaten von dem sagenumwobenen Vermögen, das
Bürger der Stadt für sie vergeblich suchen mussten. Etwa 140 Jahre
später wurden zum letzten Mal Schatzgräbereien aktenkundig. Anfang 1690
trieben acht Bissinger einen zehn Klafter langen Stollen ins
Sibyllenloch. Im Verlauf von sechs Wochen schleppten sie insgesamt über
400 Kasten Erde aus der Höhle. Wegen der im Frühjahr einsetzenden
Feldarbeit konnten die Männer ihre Anstrengungen erst im Februar 1691
fortsetzen. Obwohl sie auf einen verschütteten Gang stießen, verlief
auch diese Schatzsuche im Sand.
Trotzdem kursierte noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts das
Gerücht, dass Sibylles verschollenes Vermögen entdeckt worden war.
Anders konnten sich die Menschen damals nämlich nicht erklären, wie eine
Bissinger Familie plötzlich zu Reichtum gekommen war. Franz Weiss vom
Förderverein Archäologie, Kultur und Tourismus in Erkenbrechtsweiler
hingegen weiß, dass es am Teckberg mehrere uralte Grabhügel gab, die
während des Dritten Reiches eingeebnet wurden. Deshalb vermutet der
Hobbyarchäologe, dass schon vor Jahrhunderten durch Feldarbeiten und
Grabungen Gegenstände an die Oberfläche kamen. Da die Bevölkerung ebenso
wenig wie die Schatzsucher von den Gräbern etwas wusste, nährten die
Funde wahrscheinlich den Mythos vom Sibyllenschatz. Dass die Sibylle,
auf die die Geschichten zurückgehen, eine arme Frau war, die sich und
ihre zwei Kinder im Mittelalter mit Betteln über Wasser hielt, spielte
dabei keine Rolle. Eine andere Erklärung für die ganzen Grabungen sieht
Franz Weiss im Bauernaufstand. Der ging auch an der Burg Teck nicht
spurlos vorüber, die 1525 geplündert und in Brand gesteckt wurde.
Alarmiert durch aufsteigende Rauchschwaden eilten Truppen vom
Hohenneuffen nach Owen. Die Aufständischen mussten ihr Raubgut also
schnell verstecken. „Aufzeichnungen zeigen, dass die Gegenstände nie
wieder aufgetaucht sind“, berichtet der Laienforscher.
Das förderte wohl die Vermutung, dass die Bauern auf der Flucht
Kostbarkeiten im Wald, auf der Flur oder in einem Ort zurückgelassen
haben. Hinzu kommt, dass sich vor den Toren Owens eine rund zwei Hektar
große römische Siedlung aus dem fünften Jahrhundert nachweisen lässt.
Noch heute findet Franz Weiss dort uralte Münzen, Becher, Glasflaschen
und andere Zeugnisse. Er nimmt an, dass solche Gegenstände auch in
früheren Epochen an die Oberfläche kamen. „Für damalige Verhältnisse
waren das wertvolle Stücke, die sich nur Reiche leisten konnten und die
deshalb der Burgplünderung zugeschrieben wurden“, mutmaßt der
Hobbyarchäologe. Er ist deshalb überzeugt, dass derartige Funde die
Goldgräberstimmung anheizten und den Mythos vom Schatz für viele zur
Gewissheit machten.

Der Albforscher Franz Weiss glaubt, dass damals Kulturgegenstände gefunden wurden, die dem Sibyllenschatz zugeschrieben wurden.
Der Albforscher Franz Weiss glaubt, dass damals Kulturgegenstände gefunden wurden, die dem Sibyllenschatz zugeschrieben wurden.